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HamsterradAuf der Seins-Ebene gibt es keine Rush-Hour

Ein Interview mit Anando Würzburger
von Ishu Lohmann

Ishu: Unsere Gesellschaft ist durch den Drang zu Immer-Mehr und Immer-Schneller gekennzeichnet. Was kann helfen, zu einem stimmigen Tempo zurück zu finden?

Anando: Die beste Entschleunigung ist die Verbindung mit dem eigenen Sein, denn dort ist weiter Raum und ein Gefühl von Ewigkeit. In jedem Menschen gibt es ja verschiedenen Ebenen, auf denen er sich bewegen kann. Osho sprach von drei Ebenen: der Seins-Ebene, die mit Bauch und Hara verbunden ist. Der Herz-Ebene, die mit dem Fühlen verbunden ist und der Kopf-Ebene, die mit dem Denken verknüpft ist. Und interessanterweise ist auch jede dieser Ebenen mit einem anderen Zeitgefühl verbunden. Wenn unser Leben also von Hektik und Gehetzt-Sein bestimmt ist, ist es umso wichtiger, die Seins-Ebene zu spüren. Denn dort haben wir eher das Gefühl, dass die Zeit still steht.

I: Auf der Seins-Ebene gibt es also keine Rush-Hour?

A: Nein, da ist Stille. Da ist nur „jetzt“. Interessanterweise korrespondiert diese Ebene auch mit einem bestimmten Teil des Gehirns. Das Gehirn trägt ja verschiedene Entwicklungsstufen in sich. Und der älteste Teil ist das Reptiliengehirn. Auf dieser Entwicklungsstufe gibt es nur den Augenblick. So wie eben auch Reptilien nur aus ihrem Instinkt heraus funktionieren: Da ist die Fliege und: Schnapp! (lacht)
Die zweite Stufe im Gehirn ist das limbische System. Es korrespondiert mit der Herzebene, dem Fühlen. Es entspricht der Entwicklungsstufe der Säugetiere. Sie haben schon eine Bindungsfähigkeit und kümmern sich um ihre Brut. Und auf dieser Ebene gibt es unmittelbare Vergangenheit und nähere Zukunft.
Die dritte Stufe ist der Neokortex. Das ist die Ebene des abstrakten und logischen Denkens, wo wir weit in Vergangenheit und Zukunft blicken können. Wir können über die Entstehung der Welt nachdenken oder uns vorstellen, wie die Welt im Jahr 3000 aussehen wird. Auf dieser Ebene haben wir eine ganz klare Idee, wo wir hin wollen. Wir verfolgen Ziele und denken immer von A nach B. Wir wollen unser Ziel erreichen. Wie es die schöne Redewendung so bildlich ausdrückt: mit dem Kopf durch die Wand!

I: Das ist also die Kopf-Ebene, auf der wir uns hauptsächlich bewegen und die das Leben in unserer Gesellschaft prägt?

A: Genau! Und je mehr Platz wir dieser Bewußstseinsebene geben, desto mehr haben wir die Neigung Getriebene zu werden. Dann geht alles nur noch um Effizienz und effektive Zielerfüllung. Guck dir zum Beispiel die Computerspiele an: Sie sind vor allem auf Schnelligkeit ausgerichtet. Du bekommst einen schnellen Daumen und bestimmte Schaltkreise im Gehirn werden gestärkt. Wie diese Spiele so ist auch unser Denken sehr zielorientiert. Wir versuchen möglichst schnell von A nach B zu gelangen. Nur funktioniert das Leben nicht so. Es ist eher so wie Lao Tsu sagt: Das Wasser findet seinen eigenen Weg und umfließt einfach den Stein und andere Hindernisse. Es will die Hindernisse nicht aus dem Weg räumen. Unser Verstand ist aber so ausgerichtet, dass er direkt von A nach B will. Und durch diese Ausrichtung auf ein Ziel entsteht großer innerer Druck: Wir wollen möglichst zügig ankommen und wenn wir angekommen sind, wartet schon das nächste Ziel. So werden wir zu Getriebenen.

I: Gegenwärtig können wir ja beobachten, wie stark der Erfolgsdruck schon auf Kindern lastet. Statt zu spielen sollen sie möglichst schon im Kindergarten Chinesisch lernen, damit sie später einen guten Job finden…

A: Das ist eine fatale Entwicklung, denn unser Unbewusstes braucht einfach Zeit und Leerlauf. Wenn wir in unserer Kindheit nicht mehr lernen, mit freier Zeit umzugehen und sie selbst kreativ zu gestalten, dann verlieren wir auch die Fähigkeit zu kreativem Denken und dazu, Neues zu gestalten. Kinder und Erwachsene brauchen Müßiggang – das ist die Grundlage für Kreativität. Es gibt ja viele Untersuchungen, die belegen, dass neue Ideen hauptsächlich in einem Raum entstehen, wo Platz ist für Tagträume und wo eine Durchlässigkeit zum Unbewussten da ist. Unser Unbewusstes ist ja der eigentlich kreative Teil. Deswegen kommen mir auch oft beim Meditieren die besten Ideen. In solchen Momenten des Loslassen fällt oft der Groschen und nicht, wenn wir mit unserem bewussten Verstand daran arbeiten.

I: Wir sind also zu viel auf der Verstandesebene und zu wenig auf der Ebene des Seins?

A: Absolut! Die Fähigkeit zu abstraktem Denken ist bei uns mittlerweile hoch entwickelt, aber die hat uns eben auch von unserer Natürlichkeit entfernt. Wir verlieren uns in all den Ansprüchen und Zielen, mit denen wir groß geworden sind. Wir müssen ganz neu lernen, auf unsere Natur zu hören. Das hat ganz viel damit zu tun, den Körper zu spüren. Und diese Wahrnehmung kann man üben: Du spürst die Füße auf dem Boden. Du spürst das Gewicht der Beine auf den Füßen. Du spürst den Po auf dem Sitzkissen und den Rücken entlang der Rückenlehne. Du spürst deinen Atem, wie er den Bauch bewegt. Wenn du dich auf diese Ebene einlassen kannst, gibt es sofort eine Verbindung zu deinem Sein. Du bist auf der Ebene des Reptiliengehirns – ohne emotionale Färbung, die aus dem limbischen System kommt und ohne gedankliches Urteil aus dem Neokortex. Auf dieser Ebene kannst du am tiefsten entspannen.

I: Der erste Schritt zur Entschleunigung ist also die Wahrnehmung des Körpers?

A: Ja, das ist der einfachste Weg zu deinem schlichten Sein. Natürlich ist die vorhin angesprochene Unterteilung in Kopf, Herz und Bauch eine schematische Vereinfachung, weil letztlich die verschiedenen Ebenen mit einander korrespondieren. So wirst du deine Emotionen auch im Bauch spüren können. Im Idealfall sind die Ebenen so durchlässig und im Gleichgewicht, dass sie eine Einheit bilden.
Wenn wir aber nur mit unseren Gedanken identifiziert sind, kann diese Durchlässigkeit nicht entstehen. Doch diese Identifizierung kannst du lösen, indem du den Körper spürst und die Erde, die ihn trägt.

I: Das hört sich so einfach an – ist aber für Leute, die einen sehr stressigen Job haben und von morgens bis abends unter Druck stehen, durchaus schwierig. Wenn die sich mal 5 Minuten Zeit nehmen, spüren sie wahrscheinlich erstmal nur, wie ihr Kopf rattert?

A: Für Leute, die stark unter Stress stehen, sind natürlich Oshos aktive Meditationen wie die Kundalini oder die Dynamische besonders gut geeignet. Denn bei diesen Meditationen kannst du gut Spannung entladen. Aber wenn du eben nur 10 Minuten Zeit hast, dann können dir auch 10 Minuten Körperwahrnehmung zu einem anderen Umgang mit dir selbst verhelfen. Sicher braucht das zunächst eine Anleitung und kontinuierliche Übung. Und das kannst du auch in deinem Bürostuhl machen. Je regelmäßiger du übst, desto leichter wirst du dich mit deiner Körpermitte verbinden können. Das nennt man Zentrieren. Und dann wirst du deine Mitte auch in Momenten spüren, wo du sie besonders brauchst. Wenn dich zum Beispiel jemand verletzt hat und deine Emotionen dich überkommen. Du kannst es üben, diese Emotionen einfach durch dich durchlaufen zu lassen ohne mit ihnen identifiziert zu sein, indem du deine Füße spürst, die Erde unter ihnen und die Kraft in deinen Beinen. Der Körper ist dann wie ein Anker zum Sein.

I: Das ist dann aber schon für Fortgeschrittene, denn es setzt eine fundierte Verbindung zum Körper voraus…

A: Natürlich geht das nicht von heute auf morgen. Doch wenn du dir jeden Tag 10 Minuten Zeit dafür nimmst, wirst du schon nach ein paar Wochen eine deutliche Veränderung spüren können. Das Üben sollte dabei etwas Spielerisches haben. Sehr empfehlen kann ich da zum Beispiel den Hara-Stop-Dance. Du tanzt zur Musik, die ganz plötzlich unterbrochen wird. Dann kommt ein Stop du bleibst schlagartig stehen und spürst in deinen Körper hinein: deine Füße, deine Beine, dein Becken, dein Hara… Wenn dann die Musik wieder einsetzt, tanzt du noch stärker aus deinem Körper heraus. Du gehst den Impulsen nach, die von dort kommen. Dadurch wirst du den Körper neu erfahren können. Denn auch beim Tanzen kannst du ansonsten ganz mit deinen Gedanken identifiziert sein und nicht wirklich den Körper spüren.

I: Wenn wir anfangen, unser Körperbewusstsein zu trainieren, haben wir zunächst sicher die Neigung, auch das möglichst effizient und zielgerichtet zu tun. Genau wie wir eben auch sonst ausgerichtet sind…

A: Und da beißt sich die Katze dann in den Schwanz: effizient meditieren ist ein Widerspruch in sich. Deswegen hat Osho immer wieder auch die spielerische Qualität der Meditation betont. Sehr hilfreich finde ich in diesem Zusammenhang auch das Katsugen Undo. Dort folgst du den spontanen Bewegungen, die der Körper von sich aus macht. Haruchika Noguchi, ein japanischer Heiler, der diese Methode entwickelt hat, hat sich intensiv mit der Selbst-Regulation des Körpers beschäftigt. Es geht um spontane Bewegungen, die der Körper von sich aus tut – zum Beispiel, wenn wir gähnen oder niesen. Oder wenn wir einem anderen Impuls unseres Körpers nachgeben und uns recken und strecken. Doch meistens tun wir das ja nicht, weil wir gelernt haben, uns zu benehmen. Diese Bewegungen macht der Körper dann nachts, wo der bewusste Verstand ihn nicht kontrollieren kann. So ist unser hoch entwickeltes Gehirn oft der Feind für die Selbstregulation unseres Körpers, denn es lehrt uns, unseren spontanen Impulsen natürlichen Ausdruck zu unterdrücken.
Beim Katsugen Undo geben wir diesen spontanen Impulsen Raum. Wenn wir uns auf diese Ebene einlassen können, dann kommen wir ganz von allein ins Hier und Jetzt. Denn für den Körper gibt es nur das Jetzt. Der Verstand tritt also in den Hintergrund, was ja nicht heißt, dass er verkümmert. Im Gegenteil: Er braucht seine Auszeiten.

I: Katsugen Undo verfolgt also kein direktes Ziel wie etwa der Sport, mit dem ich mich fit machen oder einen schönen Körper bekommen will?

A: Genau. Und im Gegensatz zum Yoga ist es auch nicht willensgesteuert. Nicht du führst die Bewegung aus, sondern der Körper macht es selber. Natürlich kann ich auch beim Yoga in die Bewegung hinein entspannen und den Körper wahrnehmen, aber die Bewegung bleibt vom Willen gesteuert. Das kann dir Ordnung und Struktur geben, öffnet aber nicht den Raum von Spontaneität und Selbstregulation des Körpers. Einfach geschehen lassen. Und dann hat etwa die Wirbelsäule ganz von allein die Tendenz sich aufzurichten. Das geschieht von selbst, ohne Zwang.
Die spontanen Bewegungen sollten immer mit der inneren Stille deines Zentrums und nicht mit den emotionalen Schaltkreisen verbunden sein. Du könntest dich ja auch spontan bewegen und auf einmal wirst du richtig wütend und gibst dem Raum. Das kann sicher auch gut tun, aber wir brauchen auch den Raum, wo wir nicht emotional sind und auch nicht mit dem Denken identifiziert sind. Dann sind wir angeschlossen an die kosmische Energie. Es ist also sehr heilsam die Bewegung aus der Stille unserer Mitte heraus entstehen zu lassen, weil in dieser Stille ein energetischer Austausch mit dem Universum stattfindet und der Körper sich aus dieser Verbindung wieder neu ordnet und mit Energie auflädt.

I: In der Stille können wir unsere Mitte finden?

A: Ja – und das ist ja gerade in Krisenzeiten sehr wichtig. Wir sind trainiert den Anforderungen des Lebens auf einer gedanklichen und emotionalen Schiene zu begegnen. Die Anforderungen werden immer mehr und führen zu vielen Ängsten und Zukunftsstress: Schaffe ich es bis zu meinem 67. Lebensjahr meine Arbeitsstelle zu halten, um meine Rente zu sichern? Es gibt also viele Sorgen in Bezug auf Geld und Zukunft. Das merke ich vor allem, wenn ich Seminare oder Workshops in Italien und Spanien gebe, wo die Krise wesentlich dramatischer ist. Ich merke es wenn ich in dieses Schwingungsfeld eintauche, ist es wie ein kollektiver Sog der Zukunftsängste, der an mir zieht. Deswegen ist es so wichtig einen Ausgang aus dem emotionalen und gedanklichen Kreislauf zu finden. In deiner eigenen Mitte bist du im Auge des Hurrikans – dort ist Stille und dort kannst du Kraft finden.

I: Was machst du selbst, wenn dich der Sog der Zukunftsängste erfasst?

A: Katsugen Undo hilft mir. Oder ich lege meine Hände auf den Bauch und spüre meine Atmung, so dass sie wieder im unteren Bauch ankommen kann. So kann ich am besten aus dem Kreislauf von Emotionen und Gedanken aussteigen.

I: Was hältst du eigentlich von regelmäßigem TV- und Internet- Sabbaticals?

A: Davon halte ich sehr viel. Ich versuche regelmäßig solche Auszeiten zu nehmen. Ich glaube, die Fähigkeit sich ausklinken zu können, ist sehr wichtig. Wenn wir das machen, spüren wir dann manchmal zunächst, wie unser Gehirn regelrecht nach neuen Informationen und Eindrücken giert. Es ist so auf Überfülle geeicht, dass es sich einfach langweilt, wenn mal nichts ist. Doch in dieser Überflutung verlieren wir den Zugang zu unserem Körper, zum Spüren, zu unseren Sinnen.
Der Gehirnforscher Manfred Spitzer spricht in diesem Zusammenhang von „digitaler Demenz“. Er nennt in seinem Buch als Gegen-Beispiel die Sanskrit-Schulen in Indien. Dort wachsen die Schüler in dem Bewusstsein auf, dass es acht Himmelsrichtungen gibt. Sie trainieren dieses Bewusstsein und selbst wenn sie mit zugebundenen Augen in einem Raum ohne Fenster im Kreis gedreht werden, können sie anschließend sagen, wo süd-west oder süd-ost ist. Wenn du dich nur noch von deinem Navi leiten lässt, wird du jedes Gefühl für die Himmelsrichtungen verlieren. Wir müssen also lernen, wieder zu spüren und den Augenblick wahrzunehmen. Und dafür kann es gut sein, Fernsehen, Internet und I-phone einfach mal ausgeschaltet zu lassen. Stattdessen können wir unseren Instinkt und die Verbindung mit dem Körper üben. Er ist über unsere Sinne erreichbar. Deswegen finde ich auch das Wort „besinnen“ so schön. Die Sinne sind eine Tür zum Augenblick.

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